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Stand: 24.10.2018

Die (Arbeits)welt von morgen

Wenn jemand weiß, wie das Morgen aussehen wird, dann wohl am ehesten Lars Thomsen. Er gehört zu den weltweit führenden Trend- und Zukunftsforschern auf den Gebieten Energie, Mobilität und Smart Networks. Thomsen berät Firmen, Konzerne, Institutionen und regierungsnahe Stellen in Europa bei der Entwicklung von Strategien und Geschäftsmodellen. Im Folgenden seine Prognose, wie sich die neuesten Trends in der Gesellschaft auf die Arbeitswelt von morgen auswirken.

Herr Thomsen, wie muss man sich Ihre Arbeit als Zukunftsforscher überhaupt vorstellen?
Lars Thomsen (LT): Auf jeden Fall arbeiten wir nicht mit einer Kristallkugel! Etwa 30 Prozent unserer Arbeitszeit verbringen wir damit, Daten zu sammeln und mit Menschen zu sprechen, die an spannenden Innovationen arbeiten. Daraus lassen sich gewisse Trends und Dynamiken ablesen. Wir suchen nach den zukünftigen Umbrüchen, die wir Tipping Points nennen. Diese haben eine Logik: Sie passieren, sobald eine neue Technologie besser und günstiger einsetzbar ist als die bestehende Technik. Ein gutes Beispiel sind Schreibmaschine und PC: Lange Zeit dominierten Schreibmaschinen die Büros dieser Welt. Computer waren unausgereift, teuer und kompliziert. Doch es gab einen Tipping Point, an dem Computer leistungsfähiger und billiger wurden als die Schreibmaschinen. Und letztere – und deren Hersteller – waren damit weg vom Fenster.

Welche Zeiträume sind für Ihre Forschung relevant?
LT: Unser Fokus liegt auf den kommenden zehn Jahren. Das ist weit genug weg, um auch mittel- bis längerfristige Entwicklungen betrachten zu können. Die meisten von uns werden diese Zeit noch erleben. Längerfristige Prognosen, gerade im technologischen Umfeld, sind schwer, weil die Taktrate der Innovationen so hoch ist.

Wie können Unternehmen in einer Welt bestehen, die sich immer schneller verändert?
LT: Entscheider in den Unternehmen müssen Trends zur Kenntnis nehmen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Das gehört zu ihren Aufgaben. Für fahrlässig halte ich es, eine Entwicklung pauschal abzulehnen. Ein Beispiel ist die Blockchain-Technologie. Diese Datenbanktechnik revolutioniert den Austausch von Informationen auf allen Geschäftsebenen. Es ist wichtig, das Prinzip von Blockchain zu verstehen, um den potenzielle Nutzen fürs eigene Geschäftsfeld richtig einschätzen zu können. Unternehmen, denen die Offenheit für Neues fehlt, laufen Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Es ist besser, aktiv mit Neuerungen umzugehen als sich wegzuducken.

Sehr viel Neues tut sich momentan in Sachen Mobilität: Die Elektromobilität kommt immer besser in Schwung, Autos fahren bald allein. In welchen Bereichen stehen sonst noch große Veränderungen bevor?
LT: Neben der Mobilität halte ich den Megatrend Künstliche Intelligenz oder KI für besonders erwähnenswert. Sie wird uns künftig überall begegnen. Das Besondere an der KI ist, dass sich Maschinen und Systeme ohne unser Eingreifen ständig selbst verbessern.

Wie genau wird die KI Unternehmen verändern?
LT: Eins ist klar. Unternehmen werden sie verstärkt einsetzen. Die KI ist ein mächtiges Werkzeug, weil sie dazu führt, dass Computer und Roboter viele Jobs übernehmen. Jobs, die heute noch von Menschen erledigt werden. Das betrifft nicht nur niedere Arbeiten, sondern auch anspruchsvolle Berufsfelder. Steuerberater und Analysten – um nur zwei Beispiele zu nennen – können von Computern und KI ersetzt werden.

Was bedeutet eine veränderte Arbeitswelt für das Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer?
LT: Arbeitgeber müssen sich darauf einstellen, dass junge Menschen von Unternehmen – und von der Welt überhaupt – etwas anderes erwarten als früher. Im Zeitalter von Car-Sharing und schlauen Apps wollen sie nicht mehr möglichst viel selbst besitzen. Stattdessen werden nicht-materielle Werte wichtiger, zum Beispiel erfüllende Tätigkeiten, Zufriedenheit und individuelle Lebenskonzepte. Die Mitarbeiter von morgen haben andere Ideale als früher. Sie wollen als Mensch wachsen und Werte mittragen, die ihre Firma repräsentiert.

Das klingt nach einem Kulturwandel…
LT: Richtig: Schon heute sind es nicht länger die Unternehmen, die sich ihre Mitarbeiter aussuchen, das läuft jetzt anders herum. Unternehmen bewerben sich heute bei künftigen Mitarbeitern – das war früher undenkbar! Die potenziellen Mitarbeiter wählen nach weichen Faktoren wie Vision, Werte, Ethik oder Innovationskultur aus.

Herr Thomsen, eine ganz andere Frage zum Schluss: Lagen Sie mit einer Prognose schon einmal komplett daneben?
LT: Ja, tatsächlich. Vor 15 Jahren war ich überzeugt, dass Wasserstoff die beste Lösung für den Antrieb des Autos der Zukunft sei, zumal Batterien noch lange nicht so leistungsfähig und günstig waren, dass sie eine echte Alternative dargestellt hätten. Aber die Entwicklung ging wesentlich schneller, als wir das prognostiziert hatten. Heute spricht fast alles für den Siegeszug des Elektroautos.

Mehr Informationen zu Lars Thomsen und seiner Arbeit unter www.future-matters.com

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