Jeder muss umdenken. Das betrifft sÀmtliche Gewohnheiten im Alltag wie ErnÀhrung, Energie, Konsum oder Verkehr. Doch wie können wir unser Handeln verÀndern, ohne dass erst eine Katastrophe passieren muss, damit die Menschen aufwachen?

Es muss klar werden: Es geht eher um Vernunft als darum, ein Opfer zu bringen. Zu verzichten. Oder um Askese. FĂŒr Friedensjournalist Franz Alt war Tschernobyl der Auslöser fĂŒr VerĂ€nderung. Im letzten Teil der dreiteiligen Serie spricht Alt ĂŒber seinen eigenen Wandel, das Umdenken allgemein, Politik und die Verkehrswende.

Im zweiten Teil der dreiteiligen Interviewreihe haben wir mit ihm ĂŒber die Geopolitik, den Greta-Effekt und warum (Klima-)Katastrophen unsere grĂ¶ĂŸten Lernhelfer sein können gesprochen.

Öffentlicher Verkehr in Lörrach
Öffentlicher Verkehr

Was sagen Sie zum Thema Verkehrswende & E-MobilitÀt?

Wir haben erst eine Stromwende. Wir haben leider noch keine Verkehrswende und keine WĂ€rmewende. Das sind die großen Defizite, die es bei der Energiewende in Deutschland heute noch gibt.

Ich fahre selbst gar kein Auto seit 10 Jahren. Ich werde oft abgeholt mit E-Autos. Das ist natĂŒrlich ein gewisser Fortschritt. Wir haben ca. 46 Millionen PKWs in Deutschland. Und diese 46 Millionen Benziner und Diesel austauschen gegen 46 Millionen E-Autos, das ist nicht die Lösung.

Die Lösung heißt in erster Linie den öffentlichen Verkehr auszubauen.

Da sind wir jetzt gerade dabei, die Bundesregierung will 80 Milliarden oder so in den nĂ€chsten 10 Jahren investieren. Das ist genau die Richtung, die wir brauchen. Das hĂ€tten wir zwar schon frĂŒher machen sollen, aber immerhin, besser spĂ€t als gar nichts.

Und im WÀrmebereich tut sich ja jetzt auch einiges und der CO2-Preis ist von 10 ist gerade auf 20 erhöht worden. Das sind alles Schritte, zumindest erste Schritte, in die richtige Richtung beim Verkehr und bei der WÀrmewende.

Erhöhung CO2-Peis fĂŒr Verkehrswende
Erhöhung CO2-Peis fĂŒr Verkehrswende © iStock

Aber das Problem ist beim Verkehr: Es muss ja auch in Zukunft Autos geben. Wir leben nicht auf dem Mond. Genauso wie Menschen in Zukunft fliegen werden. Wenn der öffentliche Verkehr verdoppelt oder verdreifacht ist in 10-15 Jahren, dann gibt es ja auch noch Menschen, die Autos fahren. Aber nicht mehr persönlich gekaufte Autos, das sind Leih-Autos, Car-Sharing.

Also wenn ich an unsere Töchter denke, die lachen sich halbtot, wenn ich sage, dass ich mit 18 unbedingt meinen FĂŒhrerschein haben wollte. Und ich habe ihn am Geburtstag ĂŒberreicht bekommen. Das war wie die Erstkommunion damals.

Die junge Generation hat ganz andere PrioritĂ€ten, die ist nicht so autoverrĂŒckt wie meine Generation. Die sagen Computer, Technik, Internet, das sind unsere PrioritĂ€ten, nicht Autos. Das ist letztes Jahrhundert und das ist ja die Einstellung von vielen der jungen Generation. 30-40 Tausend Euro ist fĂŒr ein Fahrzeug, das eigentlich eher ein „Stehzeug“ ist, zu viel.

Ein deutsches Fahrzeug steht 93% seiner Zeit und wird 7% gefahren und dafĂŒr geben die Menschen 30-40 Tausend Euro aus – wie lĂ€cherlich ist das denn?
Stromtankstelle fĂŒr Elektroautos
badenova Stromtankstelle fĂŒr Elektroautos

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft des Autos aus?

Ich kann kĂŒnftig ĂŒber eine App in meinem Handy einen Knopf drĂŒcken und es kommt drei Minuten spĂ€ter ein Auto angefahren, was selbstverstĂ€ndlich autonom fĂ€hrt. Das reduziert die UnfĂ€lle gegenĂŒber heute. Dieses Auto holt mich ab und bringt mich zum nĂ€chsten Bahnhof oder zur nĂ€chsten Bushaltestelle. Das ist MobilitĂ€t von Morgen. Viel intelligenter, viel preiswerter. Wir werden doch unser Geld nicht mehr rausschmeißen fĂŒr Autos.

Wir werden unser Geld nicht mehr fĂŒr Autos rausschmeißen

Vielleicht gibt es noch 8 oder 10 Millionen in der Zukunft, wie gesagt, es wird immer Menschen geben, die ein Auto brauchen. Aber die meisten Autos, die es kĂŒnftig geben wird, sind Autos, die geliehen werden. Über Car Sharing oder Fahrgemeinschaften, weil die Leute vernĂŒnftig sind und nicht mehr ihr Geld zum Fenster rauswerfen in einem System, das die Umwelt kaputt macht und das sich nie rechnet gegenĂŒber öffentlichen Verkehrsmitteln in der Zukunft.

Also die Richtung ist erkannt, viele Wissenschaftler haben uns das schon seit Jahren gesagt. Heiner Mohnheim, mit dem habe ich in den 90er Jahren auch schon Fernsehsendungen gemacht – Wege aus der Autofalle hieß die. Wir stecken alle in einer Autofalle, das ist alles Ideologie: Autos, Freiheit oder UnabhĂ€ngigkeit.

Es gab 120 Millionen Autotote seit 1945. Ich sage Ihnen eine Zahl, die ich bis vor kurzem noch selbst kaum glauben konnte: Wir haben weltweit nach 1945 durch Autos 120 Millionen Tote produziert. Das werden die kĂŒnftigen Generationen als das grĂ¶ĂŸte Verbrechen ansehen nach den Nazis.

Wir haben weltweit nach 1945 durch Autos 120 Millionen Tote produziert. Das werden die kĂŒnftigen Generationen als das grĂ¶ĂŸte Verbrechen ansehen nach den Nazis.

120 Millionen Tote, das ist zweimal der Zweite Weltkrieg. Und das auf unseren Straßen, weil wir zu doof waren, rechtzeitig öffentlichen Verkehr auszubauen. Wir wissen schon lange, wenn wir ein Tempolimit einfĂŒhren auf Autobahnen gehen die Zahlen der Toten zurĂŒck.

Und die Fachleute, die sich mit Aufgaben wie dem autonomen Fahren beschÀftigen, die können leicht ausrechnen heute, dass wir die Zahl der VerkehrsunfÀlle, Verkehrstoten, Verkehrsverletzten durch Tempolimits und autonomes Fahren um 90% reduzieren können. In 10-15 Jahren werden wir ganz sicher eine andere Verkehrspolitik haben, in der das alles umgesetzt wurde, wenn wir gut sind.

Stadtverkehr der Zukunft badenova Bus
Stadtverkehr der Zukunft © Peter Bender

Wie sieht der Stadtverkehr der Zukunft aus?

Die ersten Schritte dorthin sind ja schon beschlossen worden. Es gibt StĂ€dte, die bieten kostenlosen Nahverkehr, in Holland zum Beispiel. Es gibt StĂ€dte in Deutschland, die denken immer mehr nach. Einiges haben wir auch schon, öffentliche Verkehrstickets fĂŒr ein Jahr fĂŒr 365 Euro, also 1 Euro pro Tag. Und die Menschen fragen sich, ob sie ein System brauchen, das sie im Monat 600 Euro kostet, wenn sie auch pro Monat fĂŒr 30 Euro fahren können ohne im Stau zu stehen.

Franz Alt: "Auch ich musste umdenken"

FrĂŒher bin ich selbst mit dem Auto 100.000 km im Jahr gefahren, weil ich halt stĂ€ndig Termine habe und unterwegs bin. Das mache ich zwar heute noch, allerdings nicht mehr mit dem Auto, denn dann wĂ€re ich laut Statistik schon lĂ€ngst tot.


Wie lÀsst sich die Verkehrssituation verbessern?

Die Verkehrsfachleute und die Verkehrsforscher sagen mir, ganz umsonst sollte es nicht sein. Viele Leute, z.B. Rentner, werden dann von morgens bis abends in der Gegend rumfahren. Das wĂŒrde vielleicht den Verkehr noch erhöhen. Zu diesem Thema gibt es verschiedene Meinungen. Manche sagen öffentlicher Verkehr ganz frei, andere wiederum sagen, dass es ein kleiner Obolus sein sollte. Also das mit den 365 Euro pro Jahr. Ein kleiner Preis ist realistischer als es vollkommen kostenlos anzubieten.

Zu dieser Frage kann ich nicht viel sagen, dazu bin ich zu wenig Fachmann. Ich kann nur als Journalist davon zitieren, was die Leute sagen, die sich damit beschÀftigen.

Wasserschnecke Dreisam in Freiburg
Wasserschnecke in Freiburg

Ich muss gelegentlich in Japan VortrĂ€ge halten. Tokio hat 30 Millionen Einwohner, die Menschen nehmen zu 96% öffentlichen Verkehr. Es geht gar nicht mehr anders in den Millionen-Metropolen. Meine Freunde in Japan sagen, da fliegt keiner mehr von denen, die fahren nur noch mit dem Shikansen. Die sagen, dass sie frĂŒher blöd waren und mit Autos und Flugzeugen unterwegs waren. Der Zug ist viel angenehmer, bequemer und sicherer.

Ich fahre nicht zuletzt deshalb Zug, weil es um den Faktor 100 sicherer ist – das habe ich mir mal ausrechnen lassen. Und in Japan ist das schon selbstverstĂ€ndlich.

Es gibt moderne Industriestaaten, die sind da viel weiter als wir im autoverrĂŒckten Deutschland. Aber wie gesagt, ich sage das nicht mit erhobenem moralischem Zeigefinger, denn ich gehörte selbst frĂŒher dazu. Aber man kann sich Ă€ndern, das ist auch ein StĂŒck Lebenserfahrung.


Mehr Stau als Sex

Ein deutscher Mensch steht im Jahr im Schnitt 156 Stunden im Stau. Das heißt, er braucht mehr Zeit fĂŒr den Stau, als er Zeit hat fĂŒr Sex.

Ist das LebensqualitÀt? Das ist doch unglaublich doof, diese Autofahrerei.

Ein deutscher Mensch steht im Jahr im Schnitt 156 Stunden im Stau. Das heißt, er braucht mehr Zeit fĂŒr den Stau, als er Zeit hat fĂŒr Sex.

Und wie gesagt, ich habe selbst zu den Doofen gehört und bin sehr froh, dass ich gelernt habe, es ist weit sicherer und preiswerter mit den Öffentlichen als mit dem Auto.


Wie kann jeder Einzelne die Energiewende aktiv mitgestalten? Haben Sie Tipps?

Man kann sich anders ernÀhren. Ich war lange ein Fleischesser, das ist normal bei meiner Familie und aus der Gegend, von der ich komme. Da war es selbstverstÀndlich, dass es nicht nur sonntags, sondern auch beinahe jeden Tag Fleisch gab.

Solange es Schlachthöfe gibt, wird es Schlachtfelder geben

Ich habe selbst an dem Punkt dazugelernt. Ich hatte da so eine Art Ur-Erlebnis als ich einen Vortrag in DĂŒsseldorf gehalten habe. Da stand eine Frau in einer Diskussion, in der es um Frieden und Atomwaffen ging, auf und sagte: „Herr Alt, kennen Sie das Wort von Tolstoi? Solange es Schlachthöfe gibt, wird es Schlachtfelder geben“.

Dieses Sprichwort kannte ich noch nicht und war tief beeindruckt und habe der Frau gedankt fĂŒr diesen Hinweis. Das ist ein sehr starkes Wort.

Danach stieg ich in den Zug in DĂŒsseldorf und fuhr am Abend nach Baden-Baden zurĂŒck, schlage eine Zeitung auf und treffe dieses Tolstoi-Wort und war daraufhin noch beeindruckter. Ich habe gedacht, so ein beeindruckendes Wort, das ich bisher noch nicht kannte, treffe ich gleich zwei Mal an einem Tag.

SpĂ€ter schlug ich ein Buch auf, das ich in meiner Tasche habe und treffe dieses Zitat sogar ein drittes Mal. Dann dachte ich mir, wenn das kein Hinweis ist, dass du endlich was lernen musst, weiß ich nicht mehr, was passieren muss bis ein Lernprozess in die GĂ€nge kommt.

Friedensjournalist Franz Alt
Friedensjournalist Franz Alt © Bigi Alt

Danach habe ich das lange so gemacht und vegetarisch gelebt, weil mich das tief beeindruckt hat und Recherchen zeigen ja auch, dass es dort ZusammenhÀnge gibt zwischen Fleisch essen und Aggressionen.

Dann habe ich mich mit Medizinern unterhalten und habe festgestellt, dass das auch viel gesĂŒnder ist und was das mit uns macht, diese ewige Fleischesserei. Also nach dem Motto „jedem deutschen seine Sau“.

Inzwischen isst ein Deutscher 60-80 kg Fleisch pro Jahr. Also habe ich mich umgestellt. Ich bin zwar kein 100%iger Vegetarier, aber ich sage mal, dass ich 90% Vegetarier bin.

Ich mache nie ein Dogma aus einer neuen Erkenntnis, sondern ich stelle mich langsam um und versuche so zu leben, dass ich denke, wenn viele Menschen das Ă€hnlich machen wĂŒrden, hĂ€tten wir wahrscheinlich auch keine Massentierhaltung mehr. Also ich mache das auch aus Liebe zu den Tieren. So haben mich das meine Kinder gelehrt, die auch Vegetarier sind.

Ich halte es fĂŒr vernĂŒnftiger umzusteigen, bevor wir unseren Planeten kaputt machen. Ich halte es fĂŒr vernĂŒnftiger, mich anders fortzubewegen oder mich anders zu ernĂ€hren

Es geht hierbei eher um Vernunft als darum, ein Opfer zu bringen oder zu verzichten oder um Askese. Ich halte es fĂŒr vernĂŒnftiger umzusteigen, bevor wir unseren Planeten kaputt machen. Ich halte es fĂŒr vernĂŒnftiger, mich anders fortzubewegen oder mich anders zu ernĂ€hren. ErnĂ€hrung ist ein großer Teil des Klimaproblems. Wenn ich mich fleischlich ernĂ€hre, habe ich mindestens fĂŒnfmal mehr Energieaufwand, als wenn ich mich vegetarisch ernĂ€hre.

Der Dalai Lama hat in dem Buch, das wir gerade abgeschlossen haben, auch gesagt:

„Solange wir nicht begreifen, dass unser Schnitzel in Afrika Verhungerte und Tote zur Folge haben kann, solange wir nicht begreifen, dass unser Stromverbrauch in Brasilien, im Urwald, im Regenwald Tiere töten kann, so lange werden wir Probleme haben. Und so lange sind die Probleme, die wir heute haben nicht lösbar.“

Wir mĂŒssen mehr lernen, dass alles Leben zusammenhĂ€ngt. Das ist eine typisch buddhistische These, aber ich denke auch wir im Christentum mĂŒssen endlich die ZusammenhĂ€nge des Lebens begreifen. Haben wir nicht gemacht, wir haben uns zu Herren der Natur aufgeschwungen, wir sind diejenigen, die den Planeten beherrschen können.

Dieses Herrschen wollen ist das Hauptproblem. Das steht hinter allen Problemen, ĂŒber die wir jetzt geredet haben. Beherrscht die Welt, beutet sie aus, ihr seid ĂŒber der Natur.

Wenn wir nicht lernen, mit der Natur zu leben, zu wirtschaften und zu arbeiten, können wir die Probleme, die wir heute haben, nicht lösen und wahrscheinlich werden wir verschwinden von diesem Planeten.

Das zeigt die ganze Evolution, eine ganze Spezies, die sich nicht anpasst, hat keine Zukunft. Das war so bei den Dinosauriern und das ist so bei den sogenannten Homosapiens, der sich als Homodummkopf erwiesen hat und erweist, kein bisschen anders.

Klimawende jetzt
Klimawende jetzt – wir mĂŒssen jetzt fĂŒr unsere Natur einstehen

Was kann die Jugend von heute zum Umdenken anregen? Wenn es nicht Katastrophen sein sollen, die in Deutschland bisher dafĂŒr noch nicht stark genug waren.

Jede Zeit hat ihre Medien und die Jungen haben die Sozialen Medien. Von daher sollen sie in den Sozialen Medien gucken.

Aber die Vorstellung, dass der Klimawandel um Deutschland herum einen Bogen schlagen wird, die halte ich fĂŒr naiv.

Das Gegenteil haben wir erlebt: Hitzesommer 2003, 2018, 2019. Ich habe 2018 VortrĂ€ge gehalten im Sommer in Brandenburg. Dort habe ich Bauern erlebt, die sagten mir „70% Ernteverlust“. Eine Katastrophe. Und dann haben die Bauern auch gleich Steuergelder gefordert – zu Recht. Die Bauern alleine haben ja nicht die Klimakatastrophe verursacht, das war schon die Gesamtgesellschaft.

Hitzesommer in Freiburg, Deutschland
Hitzesommer in Deutschland

Und am nĂ€chsten Tag war ich in Rheinland Pfalz vor BĂŒrgermeistern und LandrĂ€ten. Diese haben mir gesagt, Herr Alt, hier stehen ganz viele Regionen unter Wasser. In Norddeutschland DĂŒrre und in Rheinlandpfalz Wasser in den Kellern. Also die Katastrophen kommen auch auf uns zu.

Das Bundesgesundheitsamt hat neulich bekannt gegeben, dass es mehrere tausend Tote in Deutschland durch die Hitzesommer in den letzten beiden Jahren gab. Vor allem Ă€ltere Menschen oder Babys, die nicht mehr stabil oder noch nicht stabil genug sind fĂŒr diese Katastrophen.

Die [Katastrophen] machen um Deutschland keinen Bogen und wir werden spĂ€testens durch Katastrophen lernen mĂŒssen.

Ob es dann schon fĂŒr vieles zu spĂ€t ist, ob dann die berĂŒhmten Kipppunkte schon erreicht sind, das ist eine andere Frage. Aber die Katastrophen werden kommen, dann werden wir aufwachen. Was uns das alles kosten wird an Gesundheit, an Geld, an UnglĂŒcken, das weiß niemand. Und spĂ€testens dann werden wir aufwachen.


Vielleicht sind wir so veranlagt, dass erst etwas passieren muss, bevor wir aufwachen?

Wie gesagt, ich habe eine Reihe Umdenkprozesse auch erlebt und ich habe erst Tschernobyl gebraucht, um aufzuwachen.

Oder nehmen Sie mal die Bundeskanzlerin, mit der ich schon einige Male ĂŒber diese Frage diskutiert habe. Angela Merkel sagte mir, sie hat Fukushima gebraucht, um aufzuwachen.

Auch gegenĂŒber ihrer Partei, die hat mich nach Fukushima angerufen und gefragt, ob wir mal reden können. Denn sie wusste, dass ich nach Tschernobyl auch aus der CDU ausgetreten bin. Weil die CDU damals immer noch auf Atomenergie setzte. Und Angela Merkel sagte mir am Telefon, sie wolle jetzt aus der Atomenergie aussteigen. Daraufhin sagte ich ihr, dass ich das nicht glaube.

Es muss Fukushima passieren und schon hat man einen grĂŒnen MinisterprĂ€sidenten. Und dann haben es die Menschen spĂ€ter wieder vergessen, es ist halt so. Die Katastrophen mĂŒssen immer wieder kommen, damit die Menschen wach bleiben.

Sie machen das vielleicht deshalb, weil in Baden WĂŒrttemberg so eine grĂŒne Regierung unmittelbar eine Reaktion auf Fukushima hatte. Auch hier sieht man, wie Menschen reagieren. Es muss Fukushima passieren und schon hat man einen grĂŒnen MinisterprĂ€sidenten. Und dann haben es die Menschen spĂ€ter wieder vergessen, es ist halt so. Die Katastrophen mĂŒssen immer wieder kommen, damit die Menschen wach bleiben.

Löwenzahn auf Wiese
Löwenzahn

Also bin ich nach Berlin und habe mit Merkel unter vier Augen geredet und gesagt: „Frau Merkel, das machen sie aus taktischen GrĂŒnden und schaute ihr dabei tief in die Augen.“ Dann meinte sie, dass sie es als Physikerin nicht fĂŒr möglich gehalten hatte, dass es in einem Industrieland möglich ist, was sie drei Tage lang im Fernseher in Japan gesehen hat.

Mit mir gibt es keine Atomenergie mehr in Deutschland. Dann meinte ich, was mit ihrer Partei sei. Sie meinte dann wörtlich: „Ist mir egal.“ Ich kann Atomenergie jetzt nicht mehr verantworten. Und sie hat die Partei dazu bekommen, zum Großteil mitzumachen.

Das fand ich sehr eindrucksvoll. Genauso wie die FlĂŒchtlingsfrage, die ich sehr eindrucksvoll fand. Ich habe ihr jeweils nach ihren Umkehrungen ein Buch gewidmet. Einmal ein Buch fĂŒr ihre FlĂŒchtlingspolitik und einmal ein Buch dafĂŒr, dass sie in der Atomfrage konsequent geblieben ist, obwohl sie vorher als Physikerin ihrer Partei gepredigt hatte, dass Atomenergie die Lösung fĂŒr alle Zeit ist.

Ein halbes Jahr vor Fukushima hatte sie noch die Laufzeiten verlÀngert und trotzdem hat sie die Umkehrung geschafft, fand ich tief eindrucksvoll. Ich kritisiere Merkel nach wie vor an vielen Punkten, aber an dem Punkt, wo sie stand hielt und konsequent war, habe ich meinen Hut gezogen vor ihr.

Die Katastrophen werden kommen, da muss man keine Sorge haben. Wir alle leben unter einem geistigen Gesetz, darauf hat uns Buddha aufmerksam gemacht oder Jesus oder Mahatma Gandhi.

Ihr könnt nur ernten, was ihr sĂ€t. Wer Atomkraftwerke baut, der bekommt AtomunfĂ€lle. Wer 10 Liter Autos fĂ€hrt, bekommt KlimaflĂŒchtlinge. Wer Waffen exportiert, bekommt KriegsflĂŒchtlinge.

Wo kamen die FlĂŒchtlinge denn ĂŒberwiegen her 2015? Aus Syrien, denn dorthin haben wir Waffen exportiert und aus Afghanistan.

Wenn wir jetzt weiter 10 L Autos oder SUVs fahren, dann bekommen wir KlimaflĂŒchtlinge. Und der fundamentale Unterschied zwischen KriegsflĂŒchtlingen, die bisher kamen und den KlimaflĂŒchtlingen ist, dieser: KriegsflĂŒchtlinge kehren fast alle zurĂŒck, wenn die BĂŒrgerkriege zu Ende sind und wenn sie ihr Land wieder aufbauen wollen.

Wohin sollen denn die KlimaflĂŒchtlinge? Der Klimawandel trifft die ganze Welt. Das ist der fundamentale Unterschied. Die UNO geht davon aus, wenn wir so weitermachen, also wenn wir das machen, was zum Teil die alte Energiewirtschaft immer noch will, bekommen wir in diesem Jahrhundert mindestens 400 Millionen KlimaflĂŒchtlinge.

Die UNO geht davon aus, wenn wir so weitermachen, bekommen wir in diesem Jahrhundert mindestens 400 Millionen KlimaflĂŒchtlinge.

Das ist nicht mehr die Welt, die wir kennen. Das ist ein einziges Chaos auf dieser Welt. Und aus all diesen genannten GrĂŒnden werden wir umsteigen. Ob es zu spĂ€t ist oder nicht, das werden wir dann sehen, das weiß ich nicht als Journalist.


Das Interview mit Franz Alt ist Teil einer dreiteiligen Serie. Erfahre mehr ĂŒber den Friedensjournalisten und seine Sicht auf die Klimapolitik: